2009 19 Mrz.


Die SPD und die Frauen oder warum in Deutschland Minderheitenregierungen nicht funktionieren würden…

rauen

Quelle: flickr.com by tin.G / CC-by-nc-sa

Zwei Themen, die auf den ersten Blick nicht zusammengehören. Anlass für diesen Artikel ist für mich, dass ich mich heute richtig geärgert habe, als ich lesen musste, dass nun Müntefering und die SPD  wie die Grünen ein verbindliches Gleichstellungsgesetz für die Privatwirtschaft fordern, dass eine Quote von 40 % Frauen in Aufsichtsräten vorsieht. Soweit die Sache, die an sich gut und befürwortenswert ist. In Norwegen hat das ja auch großartig funktioniert. Allerdings hat die SPD erst vor 10 Tagen einen Antrag der grünen Bundestagsfraktion abgelehnt, der genau das gefordert hätte.

Man war wenigestens ehrlich genug zuzugeben, dass man zwar das Anliegen gut fände, sich aber auch Koalitionsdisziplin enthalten hätte. Armselig. Vor allem es sich dann jetzt groß auf die Fahnen und ins Programm zu schreiben. Glaubwürdigkeit geht irgendwie anders, finde ich.

Man könnte sich ja vorstellen, wenn man noch die Linkspartei überzeugt hätte (die sich mehrheitlich enthalten hat), dass dieses Anliegen trotzdem vom Bundestag beschlossen werden wäre. Auch wenn die CDU als Regierungspartei und Koalitionspartner dagegen ist. Also ähnlich wie in Hessen durch rot-rot-grün die Studiengebühren abgeschafft oder durch schwarz-grün-gelb das Sparkassengesetz geändert wurde. Regieren mit wechselnden Mehrheiten nennt man das im Fachjargon und in den skandinavischen Staaten ist das nicht unüblich. An sich finde ich das eine sehr attraktive und charmante Idee, weil sich so nicht die Ideen der Regierungsparteien durchsetzen, sondern der Bundestag als Gremium (der ja auch das Spiegelbild der Gesellschaft sein soll) anhand von Sachfragen und nicht von Koalitionsdisziplin entscheidet. Das klappte vielleicht in den unsicheren, hessischen Verhältnissen, scheint aber auch Bundesebene unvorstellbar. Liegt meiner Meinung nach an der politischen Kultur, die hier herrscht, aber vor allem eben auch daran, wie das politische System hier in Deutschland aufgebaut ist (starke Regierung, Zwei-Kammer-System mit dem Bundesrat). Schade eigentlich, ich fände, das hätte was für sich.

Und dann noch ein paar Sätze zur SPD und zu den Frauen, den ich schon immer mal loswerden wollte, der jetzt aber nichts direkt mit der Quotierung in Aufsichtsräten zu tun hat. Oder eben doch indirekt, weil ich glaube, dass vor allem die Herrn Genossen schon ein Problem mit starken und qualifizierten Frauen haben, besonders innerparteilich. Wie mit Heide Simonis (ehemalige Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein) oder Andrea Ypsilanti umgegangen wurde, spricht für mich Bände. Frauen und Macht, das hat leider immer noch etwas anrüchiges. Ich kann das natürlich nicht beweisen, aber ich stelle mal ganz kühn die These auf, dass wenn Ypsilanti ein Mann gewesen wäre (und die gleichen Fehler begangen hätte), die Geschichte schon ganz anders ausgegangen wäre. Meiner Meinung nach wäre sowohl der innerparteiliche Umgang als auch in der Medienöffentlichkeit ganz anders mit der Person umgegangen worden.

Geschrieben am 19. März 2009 um 02:22 Uhr in Die Anderen,Feminismus und starke Frauen - Tags: , ,

5 Kommentare »

Scrutograph

Und was geht den Staat die Besetzung von Aufsichtsräten in der Privatwirtschaft an? Gar nichts.

Kommentar by Scrutograph — 21. März 2009 um 16:14 Uhr

Thomas

” ich stelle mal ganz kühn die These auf, dass wenn Ypsilanti ein Mann gewesen wäre (und die gleichen Fehler begangen hätte), die Geschichte schon ganz anders ausgegangen wäre.”

Das denke ich auch. Derart wohlwollend, wie nicht nur die Medien mit Frau Ypsilanti trotz dieses Tabubruchs umgegangen sind, hätten sie einen Mann definitiv nicht behandelt. Und einen Mann hätte man auch nicht in der Weise mit dem Kopf durch die Wand gehen lassen und gleichzeitig gehofft, es würde schon irgendwie “gut” gehen.

“wie die Grünen ein verbindliches Gleichstellungsgesetz für die Privatwirtschaft fordern, dass eine Quote von 40 % Frauen in Aufsichtsräten vorsieht”

Das mit den Frauen kann aber nur der Anfang sein. Ich fordere auch 10 % Bartträger, 3 % Punks, 6 % Behinderte, 25 % Protestanten und 8 % Vegetarier.

Kommentar by Thomas — 21. März 2009 um 21:18 Uhr

Agnieszka

@ Scrutograph:

Naja, im Art.3 des Grundgesetzes folgendes:

“Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.”

Das verpflichtet auch zum positiven Handeln. Und das es nur marginal Frauen in den Aufsichtsräten gibt, weil diese per Geschlecht schlechter geeignet sind, glaubt wohl heute niemand mehr. Gerade an dieser Unterrepräsentation, aber auch an den Lohnunterschied von 23%, sieht man, dass es im Arbeitsmarkt massive Benachteiligungen von Frauen gibt. Die bisherigen Selbstbekundungen der Unternehmen haben nichts an diesem Missstand geändert, also muss nun der Staat eingreifen. Wobei die Quote natürlich kein Allheilmittel ist, dazu gehören noch weitere Maßnahmen. In Norwegen war das Gesetz ein Erfolgsmodell und bei den Parteien gibt es auch Quoten, die der Unterrepräsentation von Frauen in der Politik entgegenwirken und die Diskriminierungen ausgleichen.
Ich persönlich freu mich sehr, wenn wir irgendwann keine Quoten mehr brauchen.

@ Thomas:

Eine Behindertenquote für die Unternehmen (je nach Größe) gibt es bereit, wer sie nicht erfüllt, muss zahlen.
Dass Menschen aufgrund eines Bartes diskriminiert werden würden, ist mir noch nicht zu Ohren gekommen ;)…
Im Ernst, mittlerweile gibt es viele Studien, die die Meinung untermauern, dass “diversity managment” für Unternehmen (allso die Repräsentation möglichst vieler gesellschaftlicher Gruppen) sehr vielversprechend ist.
Natürlich würden unzählig viele Quoten nicht händel- und durchsetzbar sein (eine Quote für Menschen mit Migrationshintergrund wäre ja auch zum Beispiel denkbar). Aber bei Frauen handelt es sich schließlich um mehr als die Hälfte der Bevölkerung und der jetzige Zustand ist da einfach nicht tragbar.

Zu Frau Ypsilanti:

Dass mit Frau Ypsilanti in den Medien “wohlwollend” umgegangen wäre, habe ich nicht so empfunden.
Dem zweiten Satz würde ich so zustimmen. Und wenn Fehler begangen werden, können männliche Politiker diese viel häufiger dank mächtiger Unterstützung einfach “aussitzen”. Bestes Beispiel ebenfalls in Hessen: Roland Koch, Skandalnudel Nummer Eins.
Unbestritten bleibt natürlich, dass Andrea Ypsilanti eine Menge Fehler begangen hat.

Kommentar by Agnieszka — 21. März 2009 um 23:48 Uhr

Till

Finde die Idee einer politischen Kultur wechselnder Mehrheiten auf Bundesebene auch sinnvoll. Ich glaube, ein großer Hinderungsgrund dafür ist die Richtlinienkompetenz der Kanzlerin – und die Tatsache, dass jeder “Oppositionserfolg” als Koalitionsbruch verstanden würde.

Kommentar by Till — 23. März 2009 um 11:55 Uhr

Wind schlägt Atom | Flammendes Grün

[...] der AKWs Krümmel und Biblis gestellt, Linke hat zugestimmt, SPD hat abgelehnt. Wieder wie bei der 40% Quotierung für Frauen in Aufsichtsräten aus Koalitionsdisziplin. Aber ins Programm wollen sie sich die Beschleunigung des Atomausstieges schreiben, arghhh… [...]

Pingback by Wind schlägt Atom | Flammendes Grün — 26. März 2009 um 00:51 Uhr

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