2008 11 Sep.


Grüne, Finger weg von der Kohle!

In einem Artikel im Handelsblatt mit dem vielsagenden Titel “Künftiger Grünen-Chef erwägt “Kohle-Deal”" wird Cem Özdemir folgendermaßen zitiert:

Der designierte Parteivorsitzende der Grünen, Cem Özdemir, will einen “gesellschaftlichen Deal mit der Energiewirtschaft” über die Zukunft der Kohle. Anders als viele Parteifreunde kann er sich vorstellen, auch den Neubau von Kohlekraftwerken zuzulassen – wenn trotzdem die Emissionen sinken.

[...] “Vielleicht gibt es ein intelligentes Modell, bestehende und neue Kapazitäten so zu verrechnen, dass man unterm Strich die CO2-Emissionen Jahr für Jahr senkt. Wenn man das über den Emissionshandel hinkriegt, können wir darüber reden”, sagte Özdemir im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Ähnliches berichtet auch Spiegel Online.

Das hat mich ziemlich geärgert. Mehrere Wochen haben wir gerade in Tübingen eine sehr hitzige und intensive Debatte um die Beteiligung der Tübinger Stadtwerke am Bau des Kohlekraftwerkes in Brunsbüttel geführt. Ich bin, wie viele Grüne, sehr dagegen – der Gemeinderat hat sich jedoch leider (auch mit einigen Stimmen der Grünen und mit der Unterstützung des grünen OBs Boris Palmer) gegen einen Ausstieg aus dem Projekt entschieden.Quelle Dr.G.Schmitz/de.wikipedia.org Lizenz: CC-by-sa 3.0

Obwohl ich die Position von Boris Palmer absolut nicht teile, kann ich ein stückweit nachvollziehen, dass er als Oberbürgermeister der Stadt Tübingen und Aufsichtsratsvorsitzender der Stadtwerke andere Handlungslogiken und Entscheidungszwänge hat, die in zu der Position für das Kohlekraftwerk bewogen haben. Fairerweise muss man auch sagen, dass diese Entscheidung vor seinem Amtsantritt gefallen ist (was aber nicht heißt, dass der Ausstieg aus dem Projekt nicht zu bewerkstelligen gewesen wäre).

Was aber dagegen Cem Özdemir als Bewerber um den Parteivorsitz der Grünen geritten hat, sich einfach so unter bestimmten Bedingungen für den Neubau von Kohlekraftwerken auszusprechen, ist mir ein Rätsel. Das wird bei den Grünen für einigen Unmut sorgen, denn die Grünen sind für ein Moratorium bei dem Neubau von Kohlekraftwerken, bis diese Drecksschleudern wenigstens durch die CO2-Abscheidung und -Lagerung (CCS) CO2-neutral sind. Hinzu kommt auch noch, dass die Bewertung der schwarz-grünen Regierung in Hamburg maßgeblich davon abhängt, ob man das Kohlekraftwerk Moorburg verhindern kann.

Kohle ist der CO2-trächtigste Energieträger und nach den Plänen sollen über 30 neue Kohlekraftwerke von den Energiekonzernen in Deutschland gebaut werden, man muss dabei mit Laufzeiten von 50 Jahren pro Kraftwerk rechnen: Damit werden Tatsachen geschaffen, die eine vernünftige und dringend notwendige Wende in der Energiepoltik unmöglich machen. Unter solchen Vorausetzungen können die Klimaziele der Bundesregierung und der EU gleich vergessen werden.

Grüne Strategie muss dabei sein: Am Atomausstieg festhalten und für einen schnellstmöglichen Ausstieg aus der Kohlekraft streiten – das macht man nicht indem man naiv den Energiekonzernen die Hand zum Kompromiss reicht, sondern indem man konsequenten Druck ausübt.

Wirklich bedauerlich, dass zwei so prominente, grüne Politiker wie Boris Palmer und Cem Özdemir so einen ökologischen Mist machen bzw. vertreten!


Die Debatte in Tübingen und insbesondere die grüne Kontroverse sind gut nachzulesen im Dossier des Schwäbischen Tagblatts:

Brunsbüttel Dossier Teil 1

Brunsbüttel Dossier Teil 2

Den Widerstand der Grünen und die Argumente gegen Kohle findet man unter “Grünes Klima” sowie im Energie 2.0 – Konzept der grünen Bundestagsfraktion (PDF).


Geschrieben am 11. September 2008 um 04:02 Uhr in Grüne Reflektionen und Berichte,Klima und Energie - Tags: , ,

4 Kommentare »

Christine

Hey Agnieszka,
Meinen Glückwunsch zur echt gelungenen Homepage! Die Idee gefällt mir gut…es wird bestimmt spannend deine Beiträge zu lesen, so kann ich die Geschehnisse bei den Grünen aus deiner Perspektive mitverfolgen.
Viele Grüße
Christine
P.S.: Hier in Neuseeland sind die Grünen längst nicht eine so starke Partei wie in Dt, obwohl das Land ja in der Presse eher als ‘grüne Insel’ dargestellt wird. Aber im Alltag merkt man davon wenig…..stromsparen, Isolierung von Häusern oder Mülltrennung sind hier nicht verbreitet.

Kommentar by Christine — 11. September 2008 um 06:54 Uhr

zeitrafferin

Ruder-Cem…

Screenshot Spiegel-Online
Hintergrund bei GOOGLE NEWS
Wem obiger Screenshot zur Illustration des Vorgangs zu “uninhaltlich” ist, dem schicke ich gerne die Mail zu, die ich Cem bzw. seinem Büro heute morgen sandte. Verständlicherweise ste…

Trackback by zeitrafferin — 11. September 2008 um 20:57 Uhr

John Dean

Ich finde eine Position schwierig, die gleichermaßen das möglichst schnelle Abschalten von A-Energie-Kraftwerken fordert, aber den Neubau von K-Kraftwerken rigide vermeiden will. Aus zwei Gründen:

1. Wasser-Energie, Wind (unwirtschaftlich), E-Sparmaßnahmen oder Solar-Energie (unwirtschaftlich) haben kein ausreichendes ökonomisches Potential (das wären Produktionskosten unterhalb von ca. 6 Cent pro Kwh), um K-Kraftwerke zu ersetzen. Sowohl Bürger als auch Industrie haben jedoch ein Recht auf eine anständige (und das heißt auch: sichere und günstige) Energieversorgung.

Wer das Wohl der Bürger anstrebt, muss auch günstige Energie anstreben.

(polemischer formuliert: Der Verzicht auf Atomenergie UND Kohlestrom ist vom Grundsatz her eine [Schimpfwort einsetzen] Position)

2. Wenn der Neubau von K-Kraftwerken von seiten von Monopol-Konkurrenten erfolgen würde (so könnte es der Gesetzgeber regeln), dann könnte damit (und letztlich sogar: nur damit) die preistreibende Monopolmacht im Strommarkt ein gutes Stück weit zerschlagen werden. Neuen Anbieter sind in der Marktwirtschaft die einzige Möglichkeit, einen Monopolmacht dauerhaft zu zerschlagen.

(Mein Argument ist hier nicht ganz sauber: Die in Dtl. tätigen Energiekonzerne sollten zusätzlich zerschlagen werden. Also nicht bloß Trennung Netz und Stromerzeugungsmonopol. Das wäre großer Quatsch, denn Monopol bleibt hinterher Monopol. Richtig herum muss zunächst das Stromerzeugungsmonopol zerschlagen werden und die Energiedurchleitkosten sind durch staatliche Regulierung brutal zu senken: Dann sinken die Strompreise in Dtl. schlagartig um ca. 30 Prozent – und dann ist, nebenbei mal bemerkt, auch etwas mehr Luft für umweltpolitische Ambitionen.)

Kommentar by John Dean — 12. September 2008 um 10:03 Uhr

Agnieszka

So ein Blog ist zeitaufwendiger als ich dachte…aber jetzt komme ich endlich mal dazu hier zu antworten.

zu 1.: Ich gebe dir recht, BürgerInnen und Bürger haben ein Recht auf eine sichere und günstige Energieversorgung. Wir haben aber nicht das Recht, wegen unseres Lebensstils soviel CO2 in die Atmosphäre zu blasen – ungerecht gegenüber den kommenden Generationen und v.a. gegenüber ärmeren Staaten, die aufgrund ihrer Lage und mangelnder Möglichkeiten den Kliamwandel und seine Konsequenzen nicht schultern werden können (und eben nicht Hauptverursacher sind).

Ausstieg aus Kohle und Atomkraft schließt meiner Meinung nach nicht die Möglichkeit einer, wie du es nennst, “anständigen Energieversorgung” aus.

Ausstieg aus Kohle und Atomkraft geht, das zeigen Berechnungen. Vielleicht ein Haken an diesen: sie gehen von einem abnehmenden Energieverbrauch aus – das entspricht zur Zeit nicht dem Trend, muss aber dringend politisch angepackt werden. Das kann nicht (nur) über den Preis gehen, weil sozial nicht gerecht – da brauchen die Grünen dringend Antworten darauf.
Das hat zum Beispiel die grüne Fraktion kürzlich auf ihrer Klausur beschlossen:
http://www.gruene-bundestag.de/cms/energie/dok/248/248788.energie_sparen_kosten_senken_klima_schue.html
Reicht meiner Meinung nach nicht…
Interessanter Ansatz hier auch der Öko-Bonus, wenn auch bei den Grünen sehr umstritten. Wie sozial gerecht dieser ist, ist ganz stark abhängig davon, wie dieser finanziert und wie er an wen ausgezahlt wird.

Und letztendlich hat der Druck des Atomausstieges dazu geführt, dass die Energiekonzerne endlich mal in Erneuerbare investieren und diese auch wirtschaftlicher werden.

zu 2.: Klar, die Macht der vier Großen muss dringend eingeschränkt werden, interessante Idee, die du da hast. Gibt aber auch andere Möglichkeiten. Und was ich gerade in Tübingen besonders schade fand, ist, dass die Stadtwerke sonst eigentlich eine sehr hohe Eigenstromerzeugung und einen relativ großen Anteil Erneuerbarer haben. Da müssen sie sich nicht noch der falschen Politik der vier bösen Großen anschließen, sondern sollten Alternative sein.
Die Zukunft der Energieversorgung muss dezentral und in den Erneuerbaren sein.

Bei meinen Recherchen habe ich noch folgenden interessanten, kurzen Text der grünen BT-Fraktion gefunden, der zu 1. und 2. passt:
http://www.gruene-bundestag.de/cms/energie/dok/225/225322.das_energiekartell_aufbrechen.html

Kommentar by Agnieszka — 17. September 2008 um 02:05 Uhr

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